Besinnung nach Sinn

Andrea Gräpel, Merkur online, 28. März 2025.

Unternehmertage in Andechs sollen spannende und Informationen bieten und Unternehmer zusammenbringen. Zur dritten Auflage kamen 75 Besucher in den Klostergasthof. Gastredner war diesmal der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hans-Werner Sinn.

Andechs - Zum dritten Andechser Unternehmerabend hat Bürgermeister Georg Scheitz niemand Geringeren als Prof. Hans-Werner Sinn als Gastredner gewinnen können. Das Thema: „Notwendige Reformen für die betriebliche Zukunft“. Der 77-jährige Sinn war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2016 Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, seine Meinung als Top-Ökonom ist bis heute gefragt. Entsprechend groß war das Interesse an der Veranstaltung. Mit 75 Besuchern waren es „so viel wie noch nie“, freute sich Michael Kuch, Geschäftsleiter im Rathaus Andechs. Unter den Besuchern waren auch Landrat Stefan Frey, die Landtagsabgeordnete Dr. Ute Eiling-Hütig sowie gwt-Chef Christoph Winkelkötter.

577 Betriebe hat die nach Einwohnern (rund 3800) kleinste Gemeinde im Landkreis. 123 Betriebe zahlen Gewerbesteuer, neben der Einkommenssteuer die wichtigste Einnahmequelle einer Gemeinde. Rund 2,4 Millionen Euro fließen aktuell dadurch im Jahr in die Gemeindekasse. „Das macht deutlich, wie wichtig Unternehmen sind. Deshalb auch dieser Abend“, freute sich der Andechser Bürgermeister, der die Veranstaltungen grundsätzlich mit der Gewerbereferentin im Gemeinderat, Michaela Eisenschmid, organisiert.

Sinn, der für seine Verdienste als Volkswirtschaftler erst vor Kurzem mit dem Deutschen Staatsbürgerpreis ausgezeichnet worden ist, redete von Beginn an nichts schön. „Als Volkswirt bin ich dem Steuerzahler und Bürger verpflichtet“, sagte er. Die Bundesrepublik bekam schlechte Noten in allen Bereichen: Deutschland sei Schlusslicht – industriell genauso wie in Bildung und Arbeit und auch das Sozialsystem betreffend. „Wir befinden uns im freien Fall“, sagte Sinn. Die Automobilindustrie, „unser Herzstück“, funktioniere nicht mehr. Die chemische Industrie auch nicht. Energiepreise seien für sie unbezahlbar, kein Wunder, dass Unternehmen abwanderten. Wind und Solar könnten den Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern bis 2045 nicht decken. Der Atomausstieg – für ihn ein großer Fehler. „Wir sollten Altes nicht vernichten, sondern ergänzen.“

Der Volkswirt sprach von einer „inflationären Schuldenorgie“, die aus all dem resultiere und gerade zu beobachten sei und warnte vor den kommenden Jahren, wenn die „Babyboomer“ der 1960er-Jahre in Rente gingen, und vor dem Bürgergeld, „dem Lohn fürs Nichtstun“. Sinns Vorschläge, um dies zu ändern: späteres Renteneintrittsalter, weniger Feiertage, bei Krankheit den ersten Tag als Selbstbehalt berechnen, Bürgerlohn statt Bürgergeld und verzögerte Integration ins Sozialsystem. „Ein großes Potpourri von Reformen ist nötig.“

„Ich fühlte mich ein bisschen bestätigt. Es ist leider so“, sagte der Friedinger CSU-Gemeinderat und Bauunternehmer Michael Strobl und lobte die offenen Worte. Unter dem Eindruck des Vortrags schaute sich Grünen-Gemeinderätin Judith Birken dagegen gleich nach der Veranstaltung zu Hause einen Beitrag mit dem Titel „Zukunft Europa“ an. „Es gibt Möglichkeiten, wie das mit dem Energieeffizienzgesetz sehr wohl funktionieren kann“, ist sie überzeugt. Sie hätte sich gewünscht, Fragen an Sinn stellen zu können, statt den Abend nach vielen Zahlen und Informationen bei Speis und Trank ausklingen zu lassen.

Gemeinderatsmitglied Erasmus Höfler (Bürgergruppe) aus Machtlfing ist auch Unternehmer. Auch er war wie schon Strobl wenig überrascht von Sinns Ausführungen. „Wir werden von Juristen regiert“, sagt er trocken und schiebt lachend hinterher, „seien wir froh, dass wir in Andechs einen Landwirt als Bürgermeister haben.“ Das sei durchaus ernst gemeint, „wir müssen zum Pragmatismus zurückzukehren“. Für ihn sei dies auch die Kernaussage Sinns gewesen.

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